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28. Februar 2007

Zwischen Eulennest und Dartmoor-Feeling

Im Landhaus 1839 schöpft Sigrid Frömming Kunstvolles aus der Bütte / Gruseln an der Oste hat auch positive Seiten / An Netzwerken arbeitenGroßenwörden. Sie ist oldenburgsche Ammerländerin und ihr Jahrgang, 1949, hat einen der besten Weine des vorigen Jahrhunderts hervorgebracht. Seit vier Jahren wohnt Sigrid Frömming mit ihrer Familie in der Großenwördener Ostemarsch. Von der Mentalität her passe ich zum Osteland, stellt die Endfünfzigerin fest, die dort wohnt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Und sie weiß, dass man sich kümmern muss: Die Menschen hier gehen nicht aufeinander zu, so dass man sich außerhalb der Nachbarschaft Netzwerke erarbeiten muss.

Danach hat sie gehandelt, hat geknüpft und mittlerweile viel bewegt. Längst ist sie zur AG Osteland gestoßen und führt unter diesem Dach Naturexkursionen durch ­ links und rechts der malerischen Oste. So bringt sie den Menschen Kostbarkeiten aus den Naturschutzgebieten nahe, guckt hinter die Kulissen der Landwirtschaft und des Gartenbaus. Im kommenden Sommer möchte sie Kulturpflanzen in den Mittelpunkt ihrer Exkursionen rücken, vielleicht unter dem Titel Kamelien, Koniferen, Kräuter.

Als Schriftführerin längst in den Vorstand der AG Osteland aufgerückt, gerät die Mitbegründerin des dortigen Arbeitskreises Krimiland Kehdingen-Oste ins Schwärmen. Die Keimzelle der Krimistraße (den Rönndeich) in unmittelbarer Nachbarschaft wissend, der als Nabelschnur zahlreicher Autorenwerke den Nervenkitzel dauernder Hochspannung zum Inhalt hat (so wohnt unter anderem die Schriftstellerin Elke Loewe dort), meint Sigrid Frömming: Vor allem bei Nebel ist es hier ja gruselig genug. Jedoch dürfe man das nicht negativ sehen, sondern muss es positiv kippen. Als einstige Hotelkauffrau heute im Tourismusverein Osten tätig, zudem Eigentümerin einer Fünf-Sterne-Nobelherberge für Erholungssuchende, wirbt diese für ihr romantisches Eulennest mit dem schaurig-schönen Dartmoor-Feeling. Jetzt habe ich selbst im November Gäste. Und sie erkennt an: Die enorme Entwicklung des Krimilandes ist typisch für die AG Osteland. Aus dieser Ideenschmiede erwachsen programmatische Projekte.

 

Papiermacherei

Landhaus 1839

 

Während die gelernte Hotelkauffrau den frisch aufgebrühten Kaffee mit der Milchschaumhaube genießt, beobachtet sie das szenenreiche Treiben der Vögel rund um das Futterhaus hinter den großen Fensterscheiben im Vorgarten ­ jenem Entree, hinter dem sich gute 10\x0f000 Quadratmeter Fläche mit herrlichem, altem Baumbestand, schönem Bauerngarten mit Buchsbaum gesäumten Beeten und saftigen Weideflächen bis hin zum Ostedeich öffnen. Einst große, dreigiebelige Hofanlage, dessen Hauptgebäude schon in den 80er Jahren dem Abriss zum Opfer fiel, bewohnen die Frömmings die einstige Viehscheune. Der schöne Fachwerkbau mit dem charaktervollen Reetdach trägt die Jahreszahl 1839. Die offene Bauweise mit dem sichtbaren Gebälk zaubert eine Atmosphäre, die Wohlgefühl und Beständigkeit vermittelt.

Die alte, gegenüberliegende Wagenscheune wurde zum Ferienhaus ausgebaut, dessen Namensgebung auf seine ständigen Bewohner zurückgeht, denn auf dem Dachboden haben sich Schleiereulen eingerichtet. Ausgehend von diesem Glücksfall haben die Frömmings eine Schleiereulenfeder zum Markenzeichen für das kleine, verträumte Haus mit dem großen Komfort erhoben, das zudem vom Deutschen Tourismusverband mit fünf Sternen ausgezeichnet wurde.

Beim Durchstöbern des langsam aus seinem Winterschlaf erwachenden Gartens fällt der Blick auf eine Holzhütte hinter dem Wohnhaus: Hier liegt Siegrid Frömmings Atelier, ihre Papiermacherei Landhaus 1839.

Widmete sie sich noch vor Jahren intensiv der Fotografie und brachte sie es zu sehenswerten Ausstellungen, so lief mir irgendwann das Papier über den Weg. Auf die Papierinstallationen einer Koreanerin aufmerksam geworden, die den Besuchern ihrer Präsentation Einblicke in die Arbeit des Papierschöpfens gewährte, habe auch ich mein Stück Papier gemacht und es auf einem Tuch nach Hause getragen. Beim späteren Betrachten verlor sie dann ihr Herz an die künstlerisch-kreative Arbeit mit dem feinen Endprodukt. Ich bin mit Haut und Haaren bei der Sache.

Schwärmend taucht sie ein in die Entstehungsgeschichten ihrer handgeschöpften Kostbarkeiten, deren Grundlage Cellulose als Trägermaterial und Pflanzenfasern sind. Behutsam holt sie einen Glücksvogel aus Brennnesselfasern hervor; das Papier ist aus der Bütte geschöpft und kunstvoll gefaltet.

 

Eukalyptuspapier

mit Entengrütze

 

Nach eigenem Bekunden bewegt sie sich gerne auf der Gemüseschiene, sind unter anderem Mais, Kürbisranken, Gurkenblätter und Rhabarber jene faserreichen Pflanzen, die sie zu Papier verarbeitet. Baumwolle, Hanf und Flachs, getrocknetes Herbstlaub und selbst Weißtorffasern verarbeitet sie kunstvoll. Mit Hilfe eines Küchenmixers zerkleinert, setzt sie den so entstandenen Faserbrei dem Wasser in der Bütte zu, um dann den Schöpfvorgang mit feinen Kupfersieben, die ein Wasserzeichen tragen und mit doppeltem Holzrahmen versehen sind, zu vollziehen. Gefühlvoll und konzentriert lässt sie dann die Siebfüllung auf ein Flies gleiten, um das geborene Blatt Papier trocknen zu lassen.

So entstehen unglaublich phantasievolle Arbeiten ­ mit feinen und groben Pflanzenfasern, mit eingearbeiteten Blüten und deren Düften, mit Blättern und Federn. Auch das entspringt ihrer Produktion: Zartes Papier aus der japanischen Faser Kozo bis hin zu hauchdünnen Schöpfungen aus Salago und dem markanten Eukalyptuspapier mit Entengrütze.

 

Papierschöpf-Kurse

im eigenen Garten

 

In den Sommermonaten weiht Sigrid Frömming ihre Gäste in die Kunst des Papierschöpfens ein, gibt sie Kurse in ihrem weitläufigen Garten, Blumen und Blätter pflücken für besonders kreative Arbeiten gratis. Doch jetzt, an der Schwelle zum Frühling, hat sie Osteschilf verarbeitet und das gerade geschöpfte Blatt mit dem getrockneten, filigranen Fruchtstand der Pflanze zu einer besonderen Komposition zusammengefügt.

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