Von Null auf 25 000: Die Hühner kommen
STEINAU. Hühner, wohin das Auge blickt. Braun-beige gefiederte Legehennen der Rasse Lohmann. Dicht an dicht hocken sie in den Gängen einer nagelneuen Stallanlage am Ortsrand von Steinau. Manche inspizieren ihre Nester, die links und rechts bis zu drei Etagen in die Höhe ragen. Keine Bilderbuch-Behausungen aus Gras, Stroh und Federn, sondern blitzender Edelstahl, ausgelegt mit hygienischen Plastikmatten im Rasendesign. Angestrahlt von Neonlicht pickt das Federvieh nach Futter. Fliegt eine Henne in die Luft oder zu Boden, recken alle ihre Köpfe. Ein kurzes aufgeregtes Gackern hallt durch die Halle. Dann kehrt wieder Ruhe ein.
Am Ende des Ganges steht Eckhardt Jaeger. Ein bisschen verloren sieht er aus zwischen all seinen Hühnern. "Wir müssen uns noch aneinander gewöhnen", sagt der Landwirt und geht ein paar Schritte auf die Meute zu. Bloß keine ruckartigen Bewegungen jetzt. Hühner sind empfindlich. Ein leicht erregbares Volk, ganz im Gegensatz zu Jaegers Milchkuhherde, die er vor einem Jahr wegen des anhaltend niedrigen Milchpreises verkauft hat.
Mit 51 Jahren setzt er gemeinsam mit Ehefrau Annette beruflich noch einmal alles auf eine Karte. Eine "knapp siebenstellige Summe" habe er inklusive Fördermitteln in die neue Existenz investiert. Neben einem Stall mit knapp 2000 Quadratmetern Grundfläche gehören ein 500 Quadratmeter großer Wintergarten und zehn Hektar Freilauffläche mit Mais- und Kräuterinseln sowie Unterständen zum Steinauer Geflügelhof. Macht - statistisch gesehen - vier Quadratmeter Lebensraum pro Henne.
Rund 19 Wochen alt sind die Hochleistungshühner bei ihrer Ankunft in Steinau. Ihre ersten Lebensmonate haben sie bei der Firma Horstmann im niedersächsischen Stolzenau verbracht. Auf Lastwagen, in Raum sparenden Drahtcontainern treten sie die Reise ins Cuxland an. Umzugsstress pur. Für Tier und Mensch.
Ein Dutzend Männer und Frauen helfen Jaeger, die Tiere in ihr neues Refugium zu bringen, darunter auch Tochter Johanna. Die 21-Jährige studiert Agrarwissenschaften in Bonn und will später den Hühnerstall einmal übernehmen.
Zu Papas Milchviehbetrieb mit 65 Kühen hätte sie Nein gesagt: "Weil es nicht mehr wirtschaftlich ist." Ganz im Gegensatz zur Eierproduktion. Über 20 000 Stück sollen bei den Jaegers in Steinau in Kürze pro Tag vom Band laufen - sieben Millionen im Jahr.
Den kulinarischen Familientest hat das braunschalige Geflügelprodukt der Größe L bereits bestanden. Die Supermärkte und der hofeigene Verkaufsstand müssen noch ein paar Tage warten. Das Vorlegemehl, das Jaeger bislang verfüttert, bremst den Legedrang, reicht aber immerhin schon für 2500 Eier pro Tag. Bevor die Akkordproduktion startet, sollen die Hühner erst noch ein bisschen wachsen. An Appetit scheint es den Neuankömmlingen jedenfalls nicht zu fehlen. Rund 125 Gramm Futter und ein Drittelliter Wasser wandern im Schnitt pro Tag durch jeden einzelnen Hühnermagen.
Der Bewegungsraum reicht inzwischen über die gesamte Stallfläche. Läuft alles wie geplant, dürfen die Hennen in der kommenden Woche in den Wintergarten und in wenigen Wochen das erkunden, was demnächst auf den Verpackungen ihrer Eier steht: Freiland. Die Auslaufzeit beginnt morgens nach dem Eierlegen gegen 10 Uhr und endet unterschiedlich - je nach Jahreszeit.
Zwölf bis 14 Monate währt die Lebensarbeitszeit der "Lohmänner". Und danach? "Werden sie zu Suppenhühnern", brummelt Jaeger.
Im Stall ist dann zwei Wochen lang Großreinemachen angesagt. Anschließend zieht die nächste Hühner-Generation ein.
Doch daran denkt Jaeger zurzeit nur selten. Noch gibt es einige "Baustellen" rund um seinen Hightech-Stall zu beackern. Und ganz so wohl wie mit seinem Milchvieh fühlt sich der Landwirt im Kreise der Hühnerschar auch noch nicht. "Es gibt schon Momente", räumt er wehmütig ein, "da wünsche ich mir meine Kühe zurück."
Von Heike Leuschner
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Leserkommentare
Betr.: Immer wieder Fördermittel?!
Ich finde es gut das Menschen die so ein Wagnis eingehen, bei dem auch wieder Gelder in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden, Unterstützt werden.
Immer wieder Fördermittel
Wenn eine solche Agrarfabrik schon errichtet werden muß, sollte das mit eigenen Mitteln geschehen.

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