Viel Arbeit und viele Äpfel gegen Langeweile
Osten. So ein Apfel steckt voller Vitamine, Mineralstoffe - und Kohlenhydrate wie Traubenzucker. Der wirkt gegen Müdigkeit. Torsten Wichmann macht gemeinhin den Eindruck, als müsse er in seinem Leben schon ziemlich viele Äpfel konsumiert haben, um dauerhaft jedweder Ermüdungserscheinung vorzubeugen. Und was Elstar und Co. nicht geschafft haben sollten, erledigt "der Stress als treibender Motor" des Ostener Großobstbauers. Davon hat er gerade beinahe so viel wie Apfelbäume auf seinem Hof stehen.
Die sind zwar bislang ungezählt, erstrecken sich aber über eine Fläche von immerhin 40 Hektar. Angefangen hatte er mit 17 Hektar, als er 1991 den elterlichen Hof übernahm. 1997 kam der Hof seines Onkels dazu, noch ein paar Jahre später der Nachbarshof. Heute wachsen auf seinem Land direkt hinter dem Ostener Deich zehn verschiedene Apfelsorten auf den Bäumen - von Elstar über Boskoop, Red Prince und Braeburn bis hin zu Gloster, Jonagold und Jonagored. Auf weiteren zehn Hektar sind die Erdbeeren beheimatet.
Während die roten kleinen Früchtchen für dieses Jahr buchstäblich schon gegessen sind, steht ihren großen runden Brüdern ihre große Zeit erst bevor. In ein paar Tagen beginnt die Erntesaison - allein auf Wichmanns Hof werden dann 1000 bis 1500 Tonnen Äpfel gepflückt, die an den Großhandel gehen.
Die Ernte auf dem eigenen Hof will vorbereitet werden und die Planungen für die große Apfelsaisoneröffnung in Osten (die NEZ berichtete) gehen gerade in den Endspurt - allenthalben klingelt das Telefon. "Ich empfinde Stress eigentlich als positiv", gesteht der Ostener, "sonst wäre es mir zu langweilig".
Aber er kennt da ein paar Tricks, um diesen Zustand gar nicht erst entstehen zu lassen: Viel Arbeit, lautet der wichtigste, nicht schwer zu erraten. Mit seiner Berufswahl ist er da auf Nummer Sicher gegangen, auch wenn er es genau genommen gar nicht war, der wählte: Geboren im Juni 1964, "stand da eigentlich schon fest, dass ich Obstbauer werde". Als Sohn eines Obstbauern werde man "ja quasi bei der Geburt verhaftet", schmunzelt Wichmann. Nach seiner Ausbildung zum Gärtnermeister Fachrichtung Obstbau in Glückstadt und Freiburg ging es zurück in den elterlichen Betrieb, wo er seit 18 Jahren Chef ist.
Etwas Pep für die Region
Und wo er all jene und all jenes um sich hat, dem sein Herzblut gilt: Mit seiner Frau Elke und der dreieinhalbjährigen Tochter Julika lebt der Obstbauer stilecht in einer zur schmucken Wohnung ausgebauten ehemaligen Scheune direkt neben seinen Eltern Lieselotte und Siegfried Wichmann, dem Urgestein der Ostener Kommunalpolitik. Diesem in puncto Ämterfülle nachzueifern, dürfte nahezu unmöglich sein, aber die Lust und der Wille, sich "einzubringen, etwas für die Allgemeinheit zu tun", wurden ganz offensichtlich vererbt.
Seit gut einem Jahr ist Torsten Wichmann stellvertretender Landesvorsitzender der Fachgruppe Obstbau im niedersächsischen Landvolk. Dieses Amt macht ihn zum Vermittler zwischen seinen Kollegen und der Politik: "Wir tragen die Probleme, Sorgen und Nöte der Obstbauern aus verschiedenen Regionen Niedersachsens zusammen und tragen sie an die Politiker in Hannover, Berlin und Brüssel heran", skizziert der 45-Jährige seine Aufgabe, "und leiten dann die Rückwärtsinformation weiter". Außerdem ist er Ausschussmitglied im Deichverband Kehdingen-Oste und sitzt im Landvolkverband Hadeln, im Obstbauversuchsring Altes Land, im Obstbauring Hadeln und in der AG Osteland im Vorstand.
Diese ist für ihn Herzensangelegenheit: "Mir liegt es sehr am Herzen, dass es hier in der Region vorangeht, dass etwas Pep in das Leben hier gebracht wird." Er versucht, "korrespondierend zwischen den Interessen der Landwirte und den touristischen Interessen, die manchmal voneinander abweichen, zu agieren, einen Konsens zu schaffen".
Dass überhaupt Zeit für das ehrenamtliche Engagement bleibt, ist erst der Fall, seit er vier bis fünf feste Mitarbeiter auf seinem Hof angestellt hat - in der Erntezeit kommen nochmal etwa 50 Saisonkräfte dazu. Jetzt ist er mehr Manager, kann "die Schaufel auch mal aus der Hand legen". Natürlich koste die Arbeit Zeit, "aber das Ergebnis bringt so viel Freude, dass man immer weitermacht". Deshalb scheint ihm das ständige Klingeln seines Handys auch derzeit besonders wohlklingende Musik zu sein: Die Eröffnung der Apfelsaison steht bevor. Am Freitag, 4. September, wird es ab 14 Uhr auf dem Fährplatz in Osten apfelig - und Wichmann, der die Idee hatte, die traditionelle Eröffnungsfeier aus dem Alten Land nach Osten zu entführen, steckt mitten in den letzten Vorbereitungen. "Ich bin im ,Jahr der Oste?-Fieber", bekennt er lachend.
Buntes Familienfest
Auf den offiziellen Saisonstart freut er sich besonders, ist es doch "für mich eine außergewöhnliche Sache, dass wir die Saisoneröffnung hier in Hadeln haben; wir haben etliche Obstbauern hier, die gegenüber dem Alten Land oft ein bisschen in Vergessenheit geraten". Circa 20 Akteure haben sich angemeldet und wollen mithelfen, die Eröffnung der Apfelsaison an der Oste zu einem spannenden Familienfest rund um das gesunde Obst zu machen.
"Ich habe das Glück eines der gesündesten Produkte herzustellen die es gibt, den Apfel frisch vom Baum", schwärmt Wichmann. Der Obstliebhaber wünscht sich "schon lange unsere Äpfel in unseren Regalen" und hofft auf "ein regionales Vermarktungskonzept der Supermärkte in Zusammenarbeit mit den Obstbauern aus Norddeutschland". Gar nicht schmecken ihm "Parolen in Sachen Co2-Bilanz etcetera, die die Verbraucher verunsichern".
Der größte Fehler sei es, keinen Apfel zu essen, meint Torsten Wichmann. Das kann ihm so schnell nicht passieren: Er sitzt ja schließlich an der Quelle...
Von Natascha Saul
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