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1. August 2010

Tangoschritte im Otterndorfer Watt

OTTERNDORF. Schon als Dreikäsehoch gab es kein Halten mehr. Sobald eine Musikkapelle in Otterndorf aufspielte, vergaß die Lütte alles um sich herum und fing einfach an zu tanzen. Glücklicherweise erkannten die Eltern des blonden Lockenkopfes den sehnlichsten Wunsch und ermöglichten den Unterricht. Die Leidenschaft ist geblieben und zur Profession geworden.

Egal ob am Strand im Senegal oder mitten im Watt vor Otterndorf. Es gibt so Momente, da muss sie einfach tanzen. Für Lydia Müller (28), aber auch ihren Freund Ezequiel Sanucci (39) bedeutet Tanz mehr als nur eine Ausdrucksform. Für sie ist er der Takt, der das Leben bestimmt und jede Sehne, jede Muskelfaser des durchtrainierten Körpers in Bewegung setzt.

Die Otterndorferin und der Argentinier aus Buenos Aires ticken da ganz ähnlich. Beide sind Tänzer und Choreographen aus Leidenschaft und genießen ihre berufliche und private Paarbeziehung, zumal die Erfolgskurve zurzeit steil nach oben zeigt. Kürzlich gewannen sie in den Niederlanden - wo beide Künstler leben und arbeiten - den ersten Preis bei einem interdisziplinären Wettbewerb, sind im August bei großen Festivals in Holland und Italien gebucht und planen im Herbst eine Südamerika-Tournee. Neben dem größten Tango-Festival im Mutterland Argentinien stehen auch Venezuela und Mexiko auf dem Programm. Um in Form zu bleiben, darf daher auch während des Sommerurlaub das Training nicht vernachlässigt werden.

Zweimal im Jahr - im Sommer und zu Weihnachten - lässt es sich Lydia Müller nicht nehmen, ihre Eltern Reinhard und Maria Müller in Otterndorf zu besuchen, sich mit ihren beiden Geschwistern auszutauschen und mit Schulfreunden zu treffen. Diesmal hat sie ihren Freund mitgebracht.

Erste Schritte in Cuxhaven

Bereits als Sechsjährige durfte sie bei Elvi Schneider in Altenwalde das erste Mal die Ballettschuhe schnüren und erhielt später bei Petra Saavedra und Irmgard Hirschfelder Tanzunterricht. Neben Ballett lernte sie auch Modern Dance und Jazz Dance. Ihre Leidenschaft wuchs. Schon als Achtjährige studierte sie mit ihrer jüngeren Schwester eigene Choreographien ein. Zwölf Jahre alt war sie, als sie John Neumeyer in Hamburg vortanzte - zwar wurde daraus nichts, aber ihrer Begeisterung tat das keinen Abbruch. Vom Weg abgekommen wäre sie allerdings fast nach ihrem Abitur am Otterndorfer Gymnasium 2002. Sie hatte eigentlich ein freies soziales Jahr im Ausland ins Auge gefasst, um später eventuell Sonderschulpädagogik zu studieren. Doch es sollte anders kommen: Denn im Hinterkopf war immer noch der Wunsch nach professioneller Tanzausbildung. "Wenn ich es jetzt nicht mache, dann nie", sagte sich die Otterndorferin und tanzte an der Hochschule für Tanz in Rotterdam vor. Mit Erfolg. Vier Jahre lang studierte sie dort Modernen Tanz und arbeitete als Tanzpädagogin, ohne aber die eigene Bühnenkarriere zu vernachlässigen.

Bei Tanz- und Theaterprojekten in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Mexiko und Senegal konnte sie bisher die beiden Leidenschaften Tanz und Reisen gut verknüpfen. Im afrikanischen Senegal arbeitete sie erstmals mit Ezequiel Sanucci zusammen. Beide kamen sich schnell privat näher und der temperamentvolle Argentinier "mit Tango im Blut" schaffte es, bei der norddeutschen Freundin Leidenschaft für den lateinamerikanischen Tanz zu entfachen. Schnell traten beide mit einem eigenen Programm des Choreographen auf, in dem sich Elemente des klassischen argentinische Tango mit zeitgenössischem Tanz vermengen.

Auch Ezequiel kommt ursprünglich vom Ballett, das er als Zwölfjähriger in Buenos Aires begann. "Ich wollte wie Michael Jackson tanzen, und meine Mutter sagte, ich solle zuerst Ballettstunden nehmen, dann könne ich das später..." Nach der Ausbildung an der nationalen Tanzakademie erhielt er ein Stipendium in Spanien, tanzte anschließend in vielen verschiedenen Ensembles in Europa und landete schließlich in den Niederlanden, um sich im Zeitgenössischen Tanz weiter ausbilden zu lassen.

Seit einiger Zeit hat er sein eigenes Ensemble, mit dem er selbst geschriebene Choreographien einstudiert und Tango nicht nur mit anderen Tanzstilen, sondern auch mit Theater, Video und Musik mixt. Lydia Müller arbeitet dort mit, nicht nur als Tänzerin, sondern auch musikalisch an der Geige. Und so kommt das Paar regelmäßig zusammen - trotz unterschiedlicher Wohnorte Amsterdam und Rotterdam. Aber das unstete Künstlerleben kennen beide schließlich seit Jahren. "Jeder Monat und jede Woche sieht anders aus", lacht Lydia Müller und lässt ihre Lust spüren, diesen Lebenstraum ausleben zu dürfen. "Ich bin meinen Eltern unheimlich dankbar, das sie mich immer unterstützt haben. Ich durfte Geige lernen und tanzen."

Wie sich ihr Partner darauf freut, demnächst in der südamerikanischen Heimat mit seiner eigenen Kunst aufzutreten, haben die beiden während der zurückliegenden Urlaubstage in Otterndorf beschlossen, auch hier einmal Kostproben des zeitgenössischen Tanzes zu zeigen. Wenn alles klappt, soll dies im nächsten Jahr in die Tat umgesetzt werden. Vorstellbar ist für die Künstler auch ein Workshop für Schulkinder, um ihnen Tanz als künstlerisches Ausdruck zu vermitteln.

Doch zunächst genießen sie jetzt die letzten Tage des Urlaubs und freuen sich besonders auf das Altstadtfest, vor allem der Argentinier ist erwartungsfroh gespannt. Gut vorstellbar, dass er gemeinsam mit seiner attraktiven Partnerin auch morgen das macht, wofür ihr Herz schlägt. An Musikkapellen herrscht jedenfalls kein Mangel...

Von Wiebke Kramp

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Ohne Tanz können sie nicht leben: Lydia Müller und ihr Freund Ezequiel Sanucci.
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