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12. Februar 2010

Prügelstrafen den Garaus gemacht

OTTERNDORF. Nach ihrem Abitur war sie als junge Frau neun Monate in Sierra Leone. "Das hat mich verdorben - aber im positiven Sinne." Das geweckte Fernweh konnte Margarete Betz in ihrer Zeit als Lehrerin nur durch viele schöne Urlaube in fremde Länder kurieren, aber jetzt hat sie endlich Zeit für intensiveren Kontakt zu Land und Leuten, indem sie ihr in langen Jahren beruflich und menschlich erworbenes Wissen im Ausland einbringt.

Die frühere Grundschulleiterin nutzt die Arbeitsruhephase der Altersteilzeit, um ihre alte, große Liebe zu Afrika auszuleben, indem sie sich in Projekten des Senior Expert Service (SES) ehrenamtlich engagiert und dabei pragmatische Entwicklungshilfe leistet.

Mehr jenseits von Afrika geht kaum: In der adrett-beschaulichen Altstadt, eine heiße Tasse in der gemütlichen kleinen Küche vor sich, schiebt die 63-jährige Pädagogin mit dem frechen Kurzhaarschnitt Gedanken an den kalten Winter fort und lässt die Schule in der kleinen Ortschaft Kiteredde im Süden Ugandas lebendig werden. Dort leistete sie voriges Jahr dreieinhalb Monate von Mitte Mai bis Ende August Projektarbeit. Die Weiße wird den Dorfbewohnern sicherlich in lebhafter Erinnerung bleiben, weil sie sich dort auf dem Fahrrad fortbewegt hat, was nicht nur als unschicklich gilt, sondern auch als schädlich für die Fruchtbarkeit. "Aber ich habe deutlich gemacht, dass das bei mir keine Rolle mehr spielt", grinst Margarete Betz verschmitzt.

"Ich habe immer gesagt, wenn ich nicht mehr im Beruf bin, lege ich nicht einfach die Beine hoch, sondern tue etwas." Aber es sollte doch noch einige Zeit ins Land streichen, bis ihr der SES das Angebot unterbreitete, nach Uganda zu gehen, um an einer Sekundarschule mit rund 200 Schülern zwischen zwölf und 20 Jahren zu arbeiten. Untergebracht war sie für afrikanische Verhältnisse "wie eine Königin" im nebenan liegenden Gästehaus der katholischen Bruderschaft, zu der die Privatschule gehört. Nach europäischen Standards gemessen, schmunzelt Betz, seien die Verhältnisse sehr einfach gewesen, aber sie habe wenigstens eine eigene Nasszelle gehabt.

Folgende drei Aufgaben bekam die Pädagogin aus Norddeutschland auf den Weg: Lehrerqualifizierung vorzunehmen, den Textilunterricht zu optimieren sowie eine Schulbibliothek aufzubauen.

Doch anders als der afrikanische Schulleiter angegeben hatte, gab es dort nur einen noch nicht ausgebildeten Lehrer. Der junge Mann Nicholas unterrichtete jedoch ausgerechnet Physik. Ein Fach, bei dem die frühere Grundschulleiterin dem Abiturienten nicht weiterhelfen konnte. Dafür hat sich aber durch den Kontakt ("der junge Mann hat sich von Anfang an um mich gekümmert") eine ganz andere, weiter wirkende Hilfe entwickelt.

Gemeinsam mit drei Freundinnen unterstützt Margarete Betz den 23-Jährigen aus ärmlichsten Verhältnissen regelmäßig finanziell, damit er jetzt studieren kann. Sie würden sich über weitere Förderer freuen.

In der ugandischen Schule sorgte sie dafür, dass einige der alten Tretnähmaschinen repariert wurden und auch die Schulbibliothek brachte sie auf Vordermann. Allerdings nicht so, wie sie sich erhofft hatte. Denn sie säuberte und ordnete zwar die rund 600 alten, teilweise von Insekten zerfressenen Bücher. Doch für eigentlich notwendige Neuanschaffungen konnte sie nicht sorgen. Die Förderung aus einem Programm der Deutschen Botschaft zu erreichen, wurde nämlich vom Schulleiter nicht genügend unterstützt. Dafür notwendige Unterlagen hatte er nur unzureichend eingereicht, wie sie später erfuhr.

Und dennoch, ihre Arbeit in Uganda hat Spuren hinterlassen, weil diese kleine Frau einen lautstarken Wutausbruch hatte und höhere Stellen gegen Unrecht in Bewegung setzte. Prügelstrafen durch Lehrer an Schülerinnen und Schüler fanden durch das massive Einmischen endlich ein Ende. "Ich habe zufällig erlebt, dass Lehrer richtige Prügelorgien vornahmen. Als ich sie darauf ansprach, stieß ich bei allen aber nur auf Unverständnis über meine Reaktionen." Gegen dieses Nachwirken von archaischen Strukturen - solche körperlichen Züchtigungen sind auch in Uganda seit 2006 gesetzlich verboten - ging sie couragiert ans Werk. Als Lehrer anfingen, sich über eine aktuelle Gewalttat auch zu amüsieren, platzte ihr der Kragen. Aber so richtig. "Ich hab' meine Stimme laut erhoben und zunächst auf Englisch los geschimpft. Aber erst als ich anfing, auf Deutsch richtig zu schreien und in den übelsten Wörter zu pöbeln, hat der Lehrer erschrocken aufgehört zu schlagen. Danach habe ich gesagt, wenn sich nichts ändert, verlasse ich das Projekt..."

Wohl auch das Einschalten der Vorgesetzten und ihre Reden bei der Schulversammlung haben das grausame Vorgehen gestoppt - und bislang hat Margarete Betz glücklicherweise keine Rückmeldung aus Afrika über weitere tätliche Übergriffe. "Ich habe die Hoffnung, im Sinne der Schüler für einen Bewusstseinswandel gesorgt zu haben. Allein das rechtfertigt schon meine Anwesenheit."

Margarete Betz ist bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt und sich diesen schon gar nicht verbieten lässt.

Die 63-Jährige wuchs in Krefeld auf und studierte in Hamburg auf Lehramt. Lange Zeit war sie in Buxtehude Grundschullehrerin, bis sie später an einer kleinen Schule Leiterin wurde. Ihre beiden Söhne - mittlerweile 28 und 30 Jahre alt und in guten Berufen in der Welt Zuhause - zog die zweimal geschiedene Frau alleine auf und weiß um den Spagat zwischen ausgefülltem Beruf und Kindererziehung, die Wichtigkeit von verlässlichen Netzwerken und die drückenden Sorgen von Müttern. 1997 bewarb sie sich für die Stelle an der Otterndorfer Grundschule, um ihre erworbene Leitungskompetenz in einer größeren Schuleinheit beweisen zu können.

Hier habe sie versucht, ihre Vorstellung von einer modernen Schule umzusetzen, so Betz, die Zeit ihres Lebens ihren Beruf gern ausgeübt hat - "bis zum letzten Schultag". Und darüber hinaus. Denn heute sorgt sie zweimal die Woche ehrenamtlich für die Hausaufgabenbetreuung bei Kindern aus Migrantenfamilien.

Ausgleich findet die agile Frau in der Musik. Besonders im Chorgesang beim renommierten Ensemble "Musica sacra" sowie der Erfüllung des Kindheitstraumes Querflöte zu lernen.

Ihre Hände liegen auch sonst nicht untätig im Schoß. Die ausgebildete Textillehrerin hat vor einigen Jahren für sich die Technik des Quiltens entdeckt und arbeitet mit "närrischer Begeisterung". So schön, wie Margarete Betz das Leben in Otterndorfs Altstadt mit der funktionierenden Nachbarschaft auch findet, alt werden wird sie hier wohl nicht. Sie erfüllt sich einen Traum von gemeinschaftlichem Leben in einem Alters-WG-Projekt in Stade und wird dort wohl 2011 einziehen können. Bis es so weit ist, will sie sich weiter in Otterndorf engagieren.

Der nächste Auslandseinsatz ist übrigens schon terminiert. Mitte des Jahres geht es für drei Monate in den Norden Namibias, wo sie sich schon darauf freut, den Aufbau einer Grundschule zu begleiten. Der Traum von Afrika lebt weiter.

Von Wiebke Kramp

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Die frühere Otterndorfer Grundschulleiterin Margarete Betz lebt ihre Liebe zu Afrika und zu ihrem Beruf. Foto: Kramp
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