Oste bald neue Heimat für Rohrdommel?
KREIS CUXHAVEN. Was der Wachtelkönig für die Hamburger, ist die Rohrdommel für die Wilhelmshavener. Beide Vogelarten ziehen die uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf sich, stehen sie doch auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten und sind damit streng geschützt. Für Hafenplaner hingegen sind sie der reinste Albtraum.
Seit mehreren Jahren beschäftigt die Rohrdommel die Planer des JadeWeserPorts. Der im verborgenen lebende Vogel aus der Familie der Reiher ist zwar nicht größer als ein Haushuhn, braucht aber einen Lebensraum von mindestens 50 Hektar für sich. Das jedenfalls ist die Erkenntnis der Ornithologen und damit setzten sie die Planer des neuen Tiefwasserhafens in Wilhelmshaven in Zugzwang. Mindestens vier Rohrdommeln sollen am Jadebusen ihr Zuhause gefunden haben und es verlieren. Der große Hafenausbau und die kleine Rohrdommel, sie gehören zu Wilhelmshaven wie auch das Tüpfelsumpfhuhn. Auch dieses kleine Wirbeltier aus der Familie der Rallenvögel ist dort gesichtet worden. Aber was haben diese seltenen Vogelarten mit dem Cuxland zu tun? Ganz einfach: Hier könnten sie demnächst ihre neue Heimat finden. Genaugenommen in Schwarzenhütten in Hemmoor und in Achthöfen an der Oste.
Ein rund 100 Hektar großer ehemaliger landwirtschaftlicher Betrieb in Achthöfen ist nach Informationen unserer Zeitung in den Fokus auf der Suche nach Ausgleichsflächen für das Mammutprojekt Tiefwasserhafen Wilhelmshaven geraten. Aber auch eine weitere Fläche von 17 Hektar rund um den ehemaligen Hafen Schwarzenhütten in Hemmoor zählt zum begehrten Objekt. Letztere Fläche befindet sich sogar im sogenannten Kompensationspool der Stadt Hemmoor. Der JadeWeserPort selbst umfasst "nur" eine Fläche von rund 60 Hektar, wie Hans-Henning Pötter, Justitiar der "JadeWeserPort Realisierungs GmbH & Co. KG" dazu mitteilt. Für die Hafenfläche in Wilhelmshaven sind bereits Kompensationsflächen gefunden worden. Auf einem Gebiet in Butjadingen dienen Salzwiesen als ökologischer Ausgleich für den neuen Tiefwasserhafen. Und auch die Fischerei kam zu ihrem Recht, denn die Fischer akzeptierten die angebotenen Ausgleichszahlungen, so Pötter.
Doch nun geht es um den viel diskutierten "Voslapper Groden", einer mehr als 200 Hektar großen Fläche, die für die industrielle Ansiedlung hergerichtet werden soll. Die Fläche liegt direkt neben dem Vogel-Brutgebiet, wo auch bereits Rohrdommeln gesichtet worden sind. Mehr als 50 Vogelarten nisten, brüten und rasten dort, darunter mehr als ein Dutzend gefährdete Arten. Auf dem weitläufigen Gebiet, das Anfang der siebziger Jahre eingedeicht und anschließend aufgespült wurde, ist ein Biotop-Komplex entstanden. Im Laufe der Jahre wuchs hier großflächiger Schilfrohr, viele sumpfige Bereiche nahmen ihren Lauf und auch Gebüsche und offene Kleingewässer trugen dazu bei, dass dort heute ein wertvolles Feuchtgebiet liegt. Um die bedrohten Vogelarten vor dem Hafen- und Gewerbegebiet zu schützen, wird derzeit schon ein 3,5 Kilometer langer Lärmschutzsteilwall gebaut. Kostenpunkt 2 Millionen Euro.
Doch damit nicht genug, denn derzeit wird Ausschau gehalten nach einer neuen Heimat für Rohrdommel & Co. und die könnte links und rechts der Oste liegen. Die JadeWeserPort-Gesellschaft sucht nach einer ökologischen Ausgleichsfläche in einem Radius von rund 200 Kilometern, wie Hans-Henning Pötter mitteilt. Bei der Suche nach Ausgleichsflächen - in diesem Fall nach einer ähnlichen Sumpflandschaft wie am Voslapper Groden - ist man auf die Hemmoorer Flächen links und rechts der Oste gestoßen.
Das bestätigte gestern auch Samtgemeindebürgermeister Dirk Brauer. "Die Oste ist insgesamt zum Suchraum geworden", so Brauer. Er wisse seit kurzem von der Absicht, dass die Flächen rund um Schwarzenhütten nun ein begehrtes Gebiet werden könnten. Die Kompensationsflächen befinden sich im Eigentum der Stadt Hemmoor. Die Stadt hat im vergangenen Jahr einen sogenannten "Kompensationsflächenpool" ins Leben gerufen, allerdings aus lokalen Erwägungen. Wenn beispielsweise Hausbauer, Landwirte oder Gewerbetreibende einen ökologischen Ausgleich benötigen, werden diese Flächen vorgehalten. Dass nun das Land Niedersachsen beziehungsweise die JadeWeserPort-Gesellschaft auf Hemmoor gestoßen ist, sei interessant, so Brauer. Er könne sich damit anfreunden, dass das hiesige Sumpfgebiet "zu einem Mehrwert für uns wird". Allerdings nur, wenn nicht nur reine Naturschutzflächen dort gebraucht würden, sondern das Gebiet insgesamt für Naherholung und Tourismus geöffnet werde. Brauer: "Das darf keine abgesperrte Zone werden und für Landwirte muss es einen fairen Interessenausgleich geben."
Bei der Suche nach solchen Flächen helfen verschiedene "Anbieter". Hans-Henning Pötter vom JadeWeserPort kennt sich aus. Private Maklerfirmen, Landesstellen und natürlich die Niedersächsische Landgesellschaft sind für ihn interessante Gesprächspartner. Die Suche nach einem großflächigen Ausgleich gestaltet sich allerdings immer schwierig, gibt er zu. Pötter macht keinen Hehl daraus, dass man soviel Sumpfgebiet wie möglich braucht, "damit der Kernzweck erfüllt wird und die Rohrdommel auf Dauer in dem Gebiet leben kann".
Auch Werner Rusch, Leiter des Naturschutzamtes beim Landkreis Cuxhaven, sieht in dem Hemmoorer/Achthöfener Gebiet einen guten möglichen Lebensraum für Rohrdommeln. "Diese Flächen wären geradezu ideal, der Naturschutz kann sie gut gebrauchen." Und weiter: "Es wäre schade, wenn man diese Chance nicht nutzen würde. Aus fachlicher Sicht könnte sich das sehr gut entwickeln."
Dass ausgerechnet Kompensationsflächen für den Tiefwasserhafen im Cuxland gesucht werden, schreckt den obersten Naturschützer des Landkreises nicht. "Es geht doch um ganz Niedersachsen und da muss man über Gemeindegrenzen hinwegschauen", so der Amtsleiter.
Werner Rusch nennt in diesem Zusammenhang als Beispiel den Hafenausbau in Bremerhaven. Auch hier sei der Landkreis Cuxhaven schließlich mit Kompensationsflächen zur Stelle gewesen.
Von Frauke Heidtmann
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