Mindestanforderungen für künftige Stadtschreiber
OTTERNDORF. Als kulturell aktives Städtchen will sich Otterndorf gern wahrgenommen sehen und so herrscht auch im Kulturausschuss Konsens darüber, das Aushängeschild Stadtschreiberstipendium weiter zu führen in Tradition einer literarischen Vergangenheit.
Immerhin seit 1985 wird das Stipendium in der Voß-Stadt jährlich vergeben. Aber dennoch soll an den Stellschrauben etwas gedreht werden, denn der ehrenamtlich wirkende Ausschuss (politische Vertreter sowie hinzugewählte Mitglieder aus dem kulturellen Bereich) ist an die Grenzen des Leistbaren gelangt. Wie bei der Auswahl künftiger Stadtschreiber vorgegangen werden soll, wurde jetzt offen im Gremium diskutiert.
Kulturausschussvorsitzender Hans-Volker Feldmann verdeutlichte anhand immens gestiegener Bewerbungen die Sisyphusarbeit, die bisher zur Auswahl eines Stadtschreibers geleistet wird. So gab es in den vorigen beiden Jahren jeweils um die 140 Bewerbungen für das Sommerstipendiat. Das bedeutete, in der Verwaltung mussten 28 000 Seiten kopiert werden, die den Ausschussmitgliedern zum Lesen gegeben wurden. Die 2000 Seiten Lesestoff pro Kopf verursachten Kopierkosten von 2240 Euro, die Arbeit in der Verwaltung gar nicht eingerechnet. Zu lesen kann dann nicht nur Lust sein, sondern auch Last bedeuten. Er selbst, so Feldmann, sei drei Wochen am Stück von morgens bis abends mit Lesen beschäftigt gewesen.
Das Stadtschreiberstipendium ist verbunden mit kostenlosem Wohnen im Gartenhaus am Süderwall von Mai bis September, zwei kostenlosen Lesungen, mindestens vier Monaten Aufenthalt in Otterndorf und 900 Euro monatliches Salär. Offensichtlich für viele schreibende Menschen Anlass, sich um dieses Amt zu bewerben, auch wenn sie bisher kaum durch Autorenarbeit aufgefallen waren.
Um die Zahl der Bewerbungen einzudämmen, entschied sich der Fachausschuss für mehr Qualitätsstandards als Bewerbungskriterien. So sollen Bewerber künftig bereits eine selbstständige Veröffentlichung in einem Verlag vorweisen können.
An der jährlichen Stipendienvergabe wollte der Ausschuss nicht rütteln, ebenso zunächst nicht an der Zusammensetzung der Jury, die sich aus dem gesamten Kulturausschuss zusammensetzt. Die Hoffnung allerdings: Künftig weniger, dafür insgesamt qualitativ ansprechenderes Lesefutter zu erhalten. Bei allem Konsens gab es aber auch warnende Worte. Beratendes Mitglied Inge Gerken: "Das Abenteuer der Entdeckung schließen wir so für uns aus."
Für den Stadtschreibersommer 2010 werden die neuen Kriterien noch nicht wirksam, denn hier ist die Wahl aus einer Flut von 143 Bewerbungen längst vom Ausschuss bewerkstelligt worden - die 29-jährige Ivette Vivien Kunkel aus Witten wird am 11. Mai in ihr Amt eingeführt.
Von Wiebke Kramp
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