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29. März 2010

Kreidesee: "Druckkammer wäre wünschenswert"

HEMMOOR. Mit 30 000 Tauchern im Jahr gehört der Kreidesee in Hemmoor zu den beliebtesten Tauchspots Deutschlands. Für seine Unterwasserwelt wurde das Gewässer mehrfach ausgezeichnet. Andererseits starben seit 1999 acht Menschen bei einem Tauchgang. In diversen Internetforen ist vom "Todessee" die Rede. Birgt der See besondere Gefahren? Unsere Redakteurin Heike Leuschner sprach mit Hans-Dieter Rendelsmann, Kriminaloberrat bei der Polizeiinspektion Cuxhaven/Wesermarsch und Vorsitzender eines Tauchclubs.

 

Herr Rendelsmann, am vergangenen Sonntag ist eine 40-jährige Frau nach einem Tauchgang im Kreidesee Hemmoor ums Leben gekommen. Es ist das achte Todesopfer seit Juli 1999. In diversen Internettaucherforen trägt der Kreidesee den Beinamen "Todessee". Birgt der See aus Ihrer Sicht besondere Risiken?

Hans-Dieter Rendelsmann: Besondere Gefahren birgt der See nicht. Es gibt keine Strudel oder ähnliches. In der Anfangszeit gab es sicherlich gefährliche Objekte im See, die Unfälle mitverursacht haben. So konnte man zum Beispiel das so genannte Rüttlergebäude oder Wärterhäuschen betauchen. Wurde dabei der Untergrund aufgewühlt, konnte es bei weniger erfahrenen Tauchern zu Panikattacken kommen. Diese Gefahrenstellen wurden aber nach und nach entschärft oder geschlossen.

Nach Auskunft des Polizeikommissariats Hemmoor ereigneten sich allein in den Jahren 2006 bis 2009 im Kreidesee insgesamt 32 Tauchunfälle. Drei endeten tödlich; sechs Personen wurden schwer verletzt. Machen diese Zahlen hellhörig?

Rendelsmann: Hellhörig nicht, aber aufmerksam. Man überprüft die Sicherheitsvorkehrungen.

Wer bestimmt die Sicherheitsstandards für den See, wer kontrolliert sie und wie oft?

Rendelsmann: Die Sicherheitsstandards für den Gewerbebetrieb "Tauchbasis" bestimmt das Ordnungsamt Hemmoor. Daneben gibt es einen "runden Tisch" mit dem Betreiber der Tauchbasis, der Gemeinde, dem Rettungsdienst und der Polizei vor Ort. Dieser Teilnehmerkreis schaut regelmäßig auf die Abläufe von der Anmeldung bis zum eigentlichen Einstieg in den See. Das nächste Treffen ist für das erste Halbjahr 2010 geplant, um die Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen, die beim letzten Treffen (im Herbst 2009) angesprochen wurden.

Tauchopfer, die zu schnell aufgetaucht sind, werden in eine Klinik mit Dekompressionskammer geflogen. Wäre es für die Hemmoorer Tauchbasis empfehlenswert, sich eine eigene Druckkammer anzuschaffen?

Rendelsmann: Aus meiner persönlichen Sicht wäre es bei der Frequentierung des Sees durchaus wünschenswert. Die Versorgung könnte - ohne Flugzeiten - deutlich schneller erfolgen. Das entsprechende Betreuungspersonal muss natürlich da sein.

Müsste bei Sicherheitsüberlegungen auch die tauchmedizinische Ausbildung der Notärzte stärker ins Blickfeld rücken?

Rendelsmann: Meines Erachtens ist die Versorgung vor Ort und im Nahbereich gut. Direkt in Hemmoor gibt es einen Taucharzt. Ich würde behaupten, dass auch die Notärzte gut aufgestellt sind.

Wie schneidet der Kreidesee unter Sicherheitsaspekten im Bundesvergleich mit anderen Tauchsportgewässern ab?

Rendelsmann: Darüber gibt es keine Statistiken. Stellt man die Unfallzahlen des Kreidesees den jährlichen Taucherzahlen gegenüber, kommt man auf eine Quote im Promillebereich. Andererseits ist der Kreidesee sehr bekannt und gerät deshalb leicht in die Schlagzeilen.

Gehen Taucher vielleicht auch zu leichtsinnig an ihren Sport heran, vergessen, dass es sich um einen Risikosport handelt?

Rendelsmann: Pauschal kann man das sicher nicht sagen. Aber viele, die verunglücken, haben entweder während oder bereits im Vorfeld Tauchregeln nicht beachtet oder Fehler bei der Tauchplanung gemacht. Es gibt Fälle von Selbstüberschätzung oder verschwiegenen gesundheitlichen Problemen.

"Gesundheitliche Probleme" wurden auch als Grund für das jüngste tödliche Taucherunglück am vergangenen Sonntag genannt. Wie kann man diesem Risiko entgegenwirken?

Rendelsmann: Sporttaucher müssen sich regelmäßig auf ihre Tauchtauglichkeit untersuchen lassen - unter 40-Jährige im Zwei-Jahres-Rhythmus, über 40-Jährige jährlich. Schwierig wird es, wenn zwischen den Untersuchungen gesundheitliche Probleme auftauchen - man sollte sie auf keinen Fall verschweigen, vor allem seinem Tauchpartner zuliebe nicht.

Am 1. August 2009 starb ein 23-jähriger Mann im Kreidesee. Ein defektes Auslassventil am Tauchjacket soll in fast 40 Meter Tiefe eine Panikattacke ausgelöst haben. Hätten Mitarbeiter der Tauchbasis die Ausrüstung im Vorwege kontrollieren sollen oder müssen?

Rendelsmann: Nein. Jeder Taucher ist für sein Gerät selbst verantwortlich. Außerdem findet in der Tauchgruppe vorab ein Gerätecheck statt.

Bei dem jungen Lüneburger soll es sich um einen noch unerfahrenen Taucher gehandelt haben...

Rendelsmann: Das ist richtig. Deshalb sind die entsprechenden Sicherheitsvorschriften zu überprüfen. Meines Erachtens hätte er in dieser Konstellation und mit den Voraussetzungen nicht bis auf knapp 40 Meter Tauchtiefe gehen dürfen. Es handelte sich hier um eine Mischung aus menschlichem und technischem Versagen. Wem das anzulasten ist, wird das Ermittlungsverfahren zeigen...

...das seit Mitte August 2009 läuft. Was lässt sich zum Ermittlungsstand sagen?

Rendelsmann: Im Fokus steht der Tauchlehrer, der an der Planung des Tauchganges und der Zusammenstellung der Tauchgruppe beteiligt war und unter Umständen auch für das technische Gerät verantwortlich war. Derzeit wird die tauchtechnische Ausrüstung in Süddeutschland untersucht. Das Gutachten liegt noch nicht vor.

Der Tauchsport gilt inzwischen als sehr sicher. Nach dem Fall des Lüneburgers könnten daran Zweifel aufkommen. Worauf sollten Tauchsportanfänger bei der Wahl ihrer Ausbildungsstätte achten?

Rendelsmann: Man kann das Risiko durchaus minimieren, wenn man den Sport vernünftig betreibt. In unserem Cuxhavener Tauchsportverein hat es in 30 Jahren nicht einen einzigen Tauchunfall gegeben. Als Neuling sollte man sich im Verein nach dem Ruf potenzieller Tauchpartner erkundigen, sich den Tauchgrad zeigen lassen. Auch ein Blick ins Logbuch macht Sinn, in dem die Tauchgänge erfasst sind. Und ohne aktuellen Tauchtauglichkeitsnachweis (muss in Hemmoor nachgewiesen werden) sollte niemand einen Partner mit ins Wasser nehmen.

Wann müsste man über eine Sperrung der Tauchbasis nachdenken?

Rendelsmann: Eine Schließung des Sees käme nur in Betracht, wenn der Betreiber Auflagen missachten und damit Gäste in Gefahr bringen würde. Oder wenn durch örtliche Gegebenheiten, wie Abbrüche, Gefahrenpotenziale entstehen, die sich nicht anderweitig durch Sicherheitsvorkehrungen abstellen lassen.

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Als Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der PI Cuxhaven/Wesermarsch und begeisterter Sporttaucher hat Kriminaloberrat Hans-Dieter Rendelsmann (48) auch die Tauchunfälle am Kreidesee in Hemmoor im Blick. Foto: Leuschner
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