Johannes Schmidt: Ich hinterlasse Spuren und fühle mich wohl dabei

Wir müssen uns Johannes Schmidt als einen glücklichen Menschen vorstellen. In Abwandlung des Ausspruchs von Albert Camus über den bedauernswerten Sisyphos, der nach der griechischen Sage dazu verdammt ist, einen Fels immer wieder einen Berg hochzurollen, ist es auch eine Eigenart Schmidts, sich immer wieder die dicksten Brocken vorzunehmen und sie zu bewegen.Das Glück des Sisyphos liegt laut Camus darin, sich durch die unaufhörliche Mühe seines Seins bewusst zu sein, obgleich er weiß, dass sein Scheitern vorgezeichnet ist. Das Risiko eines Fehlschlages geht auch Schmidt bei all seinen Unternehmungen ein, doch hat er gegenüber Sisyphos den Vorzug, sich auch über zahlreiche gelungene Projekte freuen zu können. Und er hat der mythologischen Figur etwas Entscheidendes voraus: Es gelingt ihm nämlich, sich immer wieder neu zu erfinden, ohne sich dabei untreu zu werden. Die Triebfeder seines Handelns liegt in seiner Kindheit begründet. Johannes Theodor Schmidt wurde 1948 in Freiburg/Elbe geboren und wuchs in Stade auf. Sein strenger Vater war Beamter bei der damaligen Bezirksregierung. Er erinnert sich an eine "wunderbare Kindheit" mit Spielen auf Wiesen, Weiden und Fleeten, an Straßenfußball bis zum Einbruch der Dunkelheit, Straßengangs, die sich mit dem Flitzebogen bekriegten, aber auch an aufregende heimliche Besuche bei den Zigeunerkindern, mit denen zu spielen bei Strafe untersagt war, mit denen ein wohlerzogener Junge aus gutem bürgerlichen Hause keinen Umgang zu pflegen hatte: "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern." Es ist die "glückliche Kindheit", an die Schmidt zurückdenkt, aber auch das Erlebnis von Ausgrenzung und Diskriminierung von Kindern, nicht nur der Zigeunerkinder, sondern auch der Flüchtlingskinder aus den "Nissenhütten" genannten Blechhütten, in denen damals Flüchtlingsfamilien lebten. Seine Kindheitserlebnisse sind der Motor, der Johannes Schmidt antreibt, und gleichzeitig der Bogen, der sein Leben überspannt. "Durch Spielen wurden Probleme aus der Welt geräumt, Konflikte ausgetragen." Er war ständig in Bewegung. In seiner Jugend betrieb er Leichtathletik und brachte es, angespornt von seinem Vater, immerhin zum niedersächsischen Meister über 3000 Meter. "Mein Vater hatte starke diktatorische Züge, aber ich habe ihn sehr gemocht. Er war immer stolz auf seine Jungs, vor allem wenn sie Leistung brachten." Wenn es Ärger gab, rückte die Familie zusammen und der Vater ließ "auf seine Jungs" nichts kommen. " Nach außen hat er sich mit Mut und Autorität immer für uns Brüder eingesetzt." Familienintern wurde dann allerdings Tacheles geredet, und nicht nur geredet, da gab es auch Hiebe. Von sozialer Erziehung geprägt Sein Berufsleben begann er als Dekorateur, dann wurde er Sanitäter bei der Bundeswehr, ließ sich anschließend zum Werbeassistenten ausbilden und zog bald mit Dieter Thomas Heck und Cindy und Bert über die Lande, um für seinen Arbeitgeber, die BASF, deren Schallplatten und Chromkassettenproduktion zu promoten. Irgendwann kam die 68-er Zeit, seine damalige Freundin studierte Pädagogik, und er arbeitete "für den Klassenfeind", das "Großkapital", erinnert sich Schmidt heute mit einem Schmunzeln. Durch ehrenamtliche soziale Arbeit in Jugendeinrichtungen, unter anderem im geschlossenen Jugendheim in Hamburg-Neuengamme, veränderte sich sein bisheriges Leben entscheidend: Er holte zu Beginn der 70-er Jahre sein Fachabitur nach, studierte Sozialpädagogik und arbeitete fortan als Leiter von zahlreichen geschlossenen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. In dieser hochpolitischen Zeit wurde er auch endgültig politisiert. Unter dem Eindruck der Aufbruchszeit unter Kanzler Willi Brandt wurde er Juso. Gleichzeitig hatte er bei seiner Arbeit in den Heimen Schlüsselerlebnisse, die seine Einstellungen und Überzeugungen über die Kinder und Jugendarbeit bis heute beeinflussen. In einer geschlossenen Unterbringung für schwerst erziehbare Kinder und Jugendliche in Hamburg-Osdorf, die er leitete, kam es täglich zu Gewalt. "Da war immer Bambule." Schmidts Lösung: Er kaufte jeden Tag von seinem Gehalt Brötchen und Salinos für alle und versöhnte so die traumatisierten Insassen. Er veranstaltete so viele attraktive Freizeitangebote, dass bald keiner mehr aus der Geschlossenen herauswollte, um in die angeschlossene offene Einrichtung zu kommen. Er wurde zu seinem Vorgesetzten zitiert, der ihm erklärte, dass die geschlossene Unterbringung Bestrafung und nicht Belohnung zu sein habe, und feuerte ihn. "Das Sprengen geschlossener Systeme zugunsten von mehr Freiheit, mehr Luft zum Atmen gehört für mich zum Verständnis meines Berufes." Der Grundgedanke, dass jede Krise auch Chancen bietet, eine Zukunft immer, auch aus den schwierigsten Situationen heraus, möglich ist, dass jedes Problem seine Lösung schon in sich trägt, prägt auch heute seine Arbeit als Familienberater und Organisationsentwickler. Mit der WG zurück aufs Land Mitte der 70-er Jahre bewegte sich Johannes Schmidt von der Großstadt zurück aufs Land, zunächst als Mitglied einer Wohngemeinschaft, die es sich in einem alten Lippstadt-Haus in Oberndorf gemütlich einrichtete. "Da, wo ich lebe und arbeite, will ich auch aktiv sein, mich für das Gemeinwesen engagieren", stellt er für sich fest. Auch politisch war er aktiv, saß immerhin zehn Jahre im Samtgemeinderat, wo er zum Verdruss mancher Altgedienter etliche lebhafte Debatten vom Zaun brach. 1989 kam ein Bruch. Er zog sich aus der Politik zurück, ordnete sein Privatleben und kümmerte sich um neue berufliche Perspektiven. 1998 zog er, vor allem um die Nähe zu seiner in der Wingst lebenden Tochter aufrechtzuerhalten, nach Hemmoor - und mischte sich wieder in die Politik ein. Das hat er, trotz einiger Rückschläge nicht bereut. Er schob etliche Projekte an, ob Kinder und Jugendmesse in Hemmoor, Küstenmarathon für die Rechte der Kinder in Otterndorf oder Neujahrsspaziergang der SPD in der Wingst. "Ich hinterlasse meine Spuren und fühle mich wohl dabei", sagt er. Vor allem ist er nie in Gefahr zu erstarren. Seine neueste Idee: die Hemmoorer Seefestspiele im Heidestrandbad, klassische Musik auf dem Wasser. Im nächsten Jahr sollen sie erstmals stattfinden. Vor allem in seiner gesellschaftspolitischen, ehrenamtlichen Arbeit für den Kinderschutzbund hat er als Landesvorsitzender einiges bewegt. 7000 Mitglieder, 64 Ortsvereine, ein guter Draht zu allen Parteien, zur Wirtschaft und zu den Verbänden: Der Kinderschutzbund ist eine feste Größe geworden. Dazu hat der Unruhegeist Schmidt, dessen charakteristisches Motiv die Bewegung ist, entscheidend beigetragen. "Zuversicht, Fröhlichkeit und Optimismus spielen für mich die größte Rolle", sagt er und grinst.
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