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24. Juni 2012

Zu Gast bei Hermann Meyer "Der Ruf eilte mir manchmal voraus"

OSTEN. Jahrzehntelang war er auf den Fußballplätzen der hiesigen Region zu Hause. Der Ostener Hermann Meyer (73) ist zweifellos ein Schiri-Urgestein im Cuxland – über 1000 Spiele pfiff er seit 1962 auf Kreis- und Bezirksebene. Doch wie motiviert man sich für unzählige Spiele, bei denen man weder gewinnen noch verlieren kann? „Es ist für mich am besten, wenn ich nach dem Abpfiff noch mit allen 22 Spielern vom Platz gehen kann“, sagt der Überzeugungstäter. „Schiedsrichter zu sein ist gar nicht so undankbar, wie alle glauben.“

Am Wochenende trifft man Meyer mittlerweile selten am Ostener Sportplatz. „Als ich die letzten Male zuschauen war, haben die Jungs immer verloren“, sagt er mit einem Lächeln. Viele Hundert Spiele hat er allein auf diesem Platz gepfiffen. „Irgendwann muss damit aber auch mal Schluss sein“, hat er sich gesagt. Er liebt den Fußball und die Emotionen, sieht das ganze Spiel aber keinesfalls fanatisch. Freude könne man schließlich auch daran haben, wenn man nicht für eine bestimmte Mannschaft ist.

Über 1000 Spiele hat Meyer zwischen 1962 und 1992 gepfiffen: Jugend- und Herrenpartien, von der Kreis- bis zur Bezirksebene. Neben seiner Motivation zum Fußball machte das vor allem seine Frau Elisabeth möglich, mit der er knapp dreieinhalb Jahrzehnte einen Gemischtwarenladen in Isensee führte. „Ab Sonnabendmittag tourte ich oft von Sportplatz zu Sportplatz“, sagt er. Das sei nur möglich gewesen, da seine Frau ihm den Rücken frei hielt. Hinzu kamen Tochter Andrea (43) und Sohn Markus (40), dessen Ostener Jugendmannschaft Meyer später betreute.

Meyer selbst kickte auch viele Jahre als Mittelfeldmann für den heimischen TSV. Als dem Verein die geforderte Anzahl an Schiedsrichtern fehlte, erklärte er sich bereit den Schein zu machen. Zunächst pfiff er nur nebenbei, nach seiner Zeit als aktiver Spieler dann 30 bis 40 Spiele pro Jahr. Im Laufe der Jahre hat sich das Spiel geändert: „Es ist viel schneller geworden“, sagt er. „Ein Schiri muss heutzutage mehr leisten.“ Auch regeltechnisch hat sich einiges getan: So erinnert sich Meyer noch gut an die 60er-Jahre, in denen es weder Gelbe noch Rote Karten gab. Der 73-Jährige griff ohnehin ungern in die Brusttasche. Die aktive Zeit als Spieler habe ihn natürlich auch geprägt. „Bei manchen Sprüchen von den Spielern hört man auch mal wohlwollend weg“, so Meyer. „Man war ja auch selber Spieler und weiß, wie es im Affekt ist.“

Freibriefe gab es aber nicht: Vor allem auf höherem Leistungsniveau musste er härter durchgreifen, damit Spiele nicht aus dem Ruder liefen. Noch immer hat er eine Partie in Fischerhude im Kopf, bei der er vier Rote und zwölf Gelbe Karten verteilen musste. Solche Spiele seien aber die Ausnahme gewesen.

Einen besonderen Ruf als Schiedsrichter habe er sich in den Jahrzehnten auch erarbeitet. „Manche Teams dachten sich schon vorher: ’Oh oh, der Meyer pfeift uns heute – da müssen wir ruhig bleiben’“, sagt er. „Auf dem Platz hatte man natürlich seine Pappenheimer.“ Doch selbst nach hitzigen Wortgefechten auf dem Platz habe man sich meist nach dem Spiel bei einem Bierchen wieder in die Augen schauen können.

Zu Hause hat Meyer noch alle Zeitungsartikel von besonderen Begegnungen, die er gepfiffen hat, aufgehoben. Von einem Spiel der HSV-Altherren in Cadenberge bis zu dem Match der Bremer Altherren in Lamstedt sind alle Berichte sorgfältig abgeheftet. Geehrt wurde er bereits vielfach für seine Leistungen, zuletzt vom Niedersächsischen Fußball-Verband für 50 Jahre Schiedsrichterarbeit. Ein Lohn, der Meyer stolz macht und ihm für sein Tun längst ausreichte. „Man verdient auf dem Niveau kein Geld damit – es machte mir einfach Freude“, sagt er.

Heute nimmt er noch zweimal im Jahr an der Schiedsrichtertagung teil – mehr muss nicht sein. Lieber verbringt er Zeit mit seiner Frau, im Garten, auf dem Fahrrad oder im Ostener Kegel- und Schützenverein. Das Fußballinteresse ist aber längst nicht erloschen: So verfolgt er die EM regelmäßig mit alten Freunden vor dem heimischen TV. Er ist überzeugt: „Für die Deutschen ist der Titel machbar.“ Ganz abschalten vom Fußball kann und möchte er auch gar nicht: „Dafür ist das Spiel mit seinen ganzen Emotionen einfach viel zu schön“, lächelt er.

Von Joël Grandke

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