Der Meister der Saiten
KREIS CUXHAVEN. Sechs Violinen umschmeicheln sanft die Ohren. Celli und Akkordeon stimmen in die Melodien des Walzerkönigs Strauß ein; Kontrabass und Schlagzeug sorgen für ein solides Rhythmusfundament. Das Salonorchester bringt reichlich Kaffeehaus-Nostalgie in die Wingster Grundschule - doch Kapellmeister Willi Bardenhagen ist nicht zufrieden. Er unterbricht die Probe und ermahnt die Violinisten: "Das müsst ihr mit Aufstrich spielen", sagt der 76-Jährige.
Willi Bardenhagen, Geiger, Kapellmeister und Musiklehrer aus Oberndorf, fordert unbedingte Präzision, ist ein strenger Lehrmeister, vielleicht so etwas wie der Felix Magath der Orchesterleiter. "Präzision ist Voraussetzung für lebendiges Musizieren", sagt Bardenhagen. Sein Orchester hat er fest im Griff. Auch ohne Taktstock. Viele seiner Kapellmeister-Kollegen wollen oder können auf das Stückchen Holz als Charisma-Krücke nicht verzichten, aber Willi Bardenhagen ist das gemeinsame Musizieren lieber als das hierarchische Anordnen von oben. Mit seiner alten böhmischen Geige rundet er den nostalgisch-sentimentalen Orchesterklang ab.
Seit 1991 gibt es das Salonorchester Niederelbe. Die Gründung dieser ungewöhnlichen Formation hat eine ebenso ausgefallene Vorgeschichte: Willi Bardenhagen pflegte Kontakte zu dem früheren Kapellmeister des Passagierschiffes "Bremen", Johannes Peters, der Bardenhagen das komplette Notenrepertoire des 20-köpfigen Schiffsorchesters vermachte. "Diese kostbaren Werke im Keller liegen zu lassen, wäre unverantwortlich gewesen", erinnert sich der Musiker. Bei Kollegen und Musikfreunden, darunter die Pianistin Anja Wackhusen, stieß die Idee, ein Salonorchester zu gründen, sofort auf großes Interesse. Schon kurze Zeit später fand der erste Auftritt statt: Das Konzert im Wingster "Waldschlösschen" am 8. September 1991 werden Bardenhagen und die anderen Gründungsmitglieder nie vergessen. Denn diese Premiere fand so viel Beifall, dass die Kapelle sogleich für die nächste Veranstaltung unter dem Motto "Wiener Kaffeehaus-Musik" gebucht wurde.
Die Noten des Schiffsorchesters, die Bardenhagen wie ein Schatz hütet und gewissenhaft katalogisiert hat, waren der Grundstock einer imposanten Sammlung, die heute rund 6000 Blätter umfasst - man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es sich um eines der größten Notenarchive für Salon- und Tanzorchester in ganz Deutschland handelt.
Bardenhagen, der sich für Orchesterleiter wie Glenn Miller und James Last, aber vor allem für Ernst Mosch begeistern kann, hat das Musikhandwerk von der Pike auf gelernt: An der Musikhochschule in Hamburg begann er als 14-Jähriger das Studium der Geige; später lernte er auch das Trompetenspiel. Um seine junge Familie ernähren zu können - Bardenhagen ist seit 1959 mit seiner Frau Marianne verheiratet; Sohn Stefan wurde noch im selben Jahr geboren - spielte der junge Musiker sogar eine Zeit lang in einer schwedischen Zirkuskapelle. "Das war eine Schule fürs Leben", sagt Bardenhagen.
Später verdiente er sein Geld in verschiedenen Stimmungsorchestern und spielte bei Hochzeiten, Geburtstagen und Beerdigungen "aufm Dorf". Ende der 70er-Jahre wurde Bardenhagen Lehrer an der neu gegründeten Musikschule Hemmoor. "Ich habe dort die allerersten Stunden gegeben", erinnert sich der heute 76-Jährige. Mehr als 30 Jahre lang brachte der Oberndorfer den Kindern an der Oste das Geigen- und Trompetenspiel bei, "und bis auf einen Armbruch vor zwei Jahren habe ich nie eine Unterrichtsstunde ausfallen lassen." Im vergangenen Jahr ging der Musiklehrer in den wohlverdienten Ruhestand.
Nur eine private Geigenschülerin hat Willi Bardenhagen heute noch: seine neunjährige Enkelin Julia. "Sie ist sehr talentiert", sind sich Marianne und Willi Bardenhagen einig. Wer weiß: Vielleicht wird sie eines Tages in Willis Fußstapfen treten...
Von Jens-Christian Mangels
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