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26. Dezember 2011

"Auch mal etwas für andere tun..."

CUXHAVEN. Es herrscht Gedränge vor der alten Heringshalle im Cuxhavener Hafen. Viele sind gekommen an diesem Donnerstag. Die Cuxhavener Tafel hat geöffnet - zum letzten Mal vor Weihnachten. Wer bedürftig ist, bekommt hier alles, was zum Leben nötig ist: Brot und Konserven, Obst und Gemüse. Und zu Weihnachten auch immer etwas Besonderes. Heute ist Kaffee zu haben und findet reißenden Absatz. "Man kann sich kaum vorstellen, wie sich manche über ein Pfund Kaffee freuen", sagt Detlef Laue.

Der 73-Jährige sitzt etwas abseits des Trubels in einem Büro. Er ist Vorsitzender des Vereins "Cuxhavener Tafel" und so etwas, wie der Chef eines kleinen Unternehmens. "Mit dem Unterschied, dass wir hier alle ehrenamtlich arbeiten", sagt er. 60 Freiwillige sind heute für die Tafel im Einsatz, die vor zehn Jahren in bescheidenem Umfang an der Cuxhavener Marienstraße unter kirchlicher Obhut ihren Betrieb aufnahm. Damals kamen nach einigen Monaten knapp 500 Menschen, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. "Heute sind es 2000 jede Woche - mit steigender Tendenz." Eine Entwicklung, die Laue mit Sorge betrachtet.

"Mein Ziel ist es eigentlich, Menschen zu helfen, die in einer temporären Notlage sind oder bei denen die Rente im Alter zum Leben nicht reicht." Aber ein Angebot wie die Tafel erzeuge auch Abhängigkeiten, das müsse man ganz klar sehen. Trotzdem hält er die Institution für sehr wichtig. "Es gibt einfach viele Menschen, die wirklich darauf angewiesen sind."

Für sie setzt sich der studierte Betriebswirt mit seinem Team ein - und räumt auch große Hindernisse aus dem Weg. Für den Umzug der Tafel in die jetzigen Räume am Heringskai musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Es galt, Spender zu gewinnen und mit den Handwerkern Sonderkonditionen zu vereinbaren. Gespräche führen, mit Menschen arbeiten: Dafür kommen dem Ruheständler seine Erfahrungen aus dem Berufsleben zugute. Zuletzt war er, der am liebsten Hotelier geworden wäre und auch schon mal mit dem Journalismus geliebäugelt hat, 20 Jahre kaufmännischer Geschäftsführer bei einem großen Markenartikelhersteller. Ein Managerjob mit gesamteuropäischer Gebietsverantwortung. Seine beiden, inzwischen längst erwachsenen Kinder sah er nur am Wochenende. Er führte ein Leben zwischen Büro und Flugzeug, hatte Schreibtische in London und Hamburg und jede Woche Termine in einem anderen Land. Aber irgendwann war es genug: 2003 beschloss er, in den Vorruhestand zu gehen.

Er und seine Frau gaben die Wohnung in Hamburg auf und zogen nach Cuxhaven-Altenwalde. "Meine Frau stammt aus Cuxhaven und wir haben hier immer gerne Urlaub gemacht", sagt er. Ihr einstiges Feriendomizil ist seitdem ihre neue Heimat geworden.

Aber ganz so einfach, wie sich Laue den Einstieg ins Rentnerleben vorstellte, klappte es nicht: "Ich bin am Anfang in ein großes Loch gefallen", gibt er zu. "Ich hatte einfach keine Hobbys, dafür war vorher keine Zeit."

Per Zufall hörte er dann irgendwann von der Cuxhavener Tafel. "Ich habe gedacht: Du hast Zeit und dir geht es gut. Da kannst du auch mal etwas für andere tun." Und so wurde er 2004 Fahrer für die Tafel. Seine damalige Aufgabe: Lebensmittelspenden von Supermärkten und Discountern abholen und ins eigene Lager bringen.

Es ist eine völlig andere Lebenswelt, in die Laue bei der Tafel Einblick erhält: Menschen, die sich die Dinge des täglichen Bedarfs nicht leisten können, die auf Hilfe angewiesen sind. Das kannte er vorher nicht. "Man kommt da schon zum Nachdenken, ob man im Leben einfach nur Glück gehabt hat", sagt er.

Seit 2006 gehört er dem Vorstand des Vereins an und war zunächst Schatzmeister, bevor er im März vergangenen Jahres zum Vorsitzenden gewählt wurde. Manchmal sei das eine Vollzeit-Arbeit, sagt er. Trotzdem gibt es auch ein Leben abseits des Ehrenamtes. Dann geht der passionierte Schalke-Fan gerne mal ins Stadion - seine Verbundenheit mit dem Revier-Club pflegt er, seit er einst in Gelsenkirchen wohnte. In jüngeren Jahren spielte er auch selbst Fußball, später - wenn es die knappe Zeit erlaubte - Tennis. Heute hat er sich vor allem aufs Golfen verlegt.

Und immer mal wieder geht er auf Reisen - allerdings ausschließlich zum persönlichen Vergnügen. Gemeinsam mit seiner Frau unternimmt er gerne kurze Städtereisen. "Länger hält es mich nicht auf einem Fleck", sagt Laue. Schon als Kind und Jugendlicher musste er oft umziehen - immer wenn sein Vater, der bei der AEG arbeitete, mal wieder versetzt wurde. Und so hat Laue ein Dutzend Schulen besucht, bevor er schließlich in Bayreuth sein Abitur machte. Der permanente Ortswechsel - er ist eine große Konstante im Leben von Detlef Laue.

Und auch in seinem Amt als Tafel-Vorsitzender bleibt er ständig in Bewegung. Da verwundert es nicht, dass er das nächste Projekt bereits in Arbeit hat: "Wir brauchen einen zweiten Kühlwagen." Denn die Firmen, bei denen die Tafel Lebensmittel abholt, legen großen Wert darauf, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird. Und dafür reicht das vorhandene Fahrzeug nicht aus. Es bleibt also genug zu tun...

Von Roland Ahrendt

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