Angeklagter zieht Geständnis zurück
OTTERNDORF/STADE. Die Sachlage war eindeutig. Es ging um vier Raubüberfälle Ende 2009 und Anfang dieses Jahres in Cuxhaven und Otterndorf. Alle spielten sich nach dem selben Muster ab. Vermummt mit einer Plastikpistole bewaffnet, erbeutet ein Mann Bargeld aus zwei Einkaufsmärkten, einer Tankstelle und einer Postagentur. Nach der letzten Tat wird Klaus K. * von der Polizei gestellt. Er gesteht alle vier Überfälle bei der polizeilichen Vernehmung. Gestern beim Prozessauftakt vor dem Landgericht in Stade weist der 67-Jährige jedoch drei der vier Taten zurück.
Fast 40 Jahre saß Klaus K. hinter Gittern. Und das merkt man während der Verhandlung auch. Die Anklagebank erweckt nur wenig Aufgeregtheit bei dem Otterndorfer. Er wirkt ruhig. Auch als der Staatsanwalt die Anklageschrift vorliest, zeigt Klaus K. kaum eine Regung. Seit dem 29. April sitzt er wieder in Untersuchungshaft - er war kurz nach einem Raubüberfall auf einen Aldi-Markt in Cuxhaven von der Polizei festgenommen worden.
Der 67-jährige räumte bei der polizeilichen Vernehmung diesen und noch drei weitere Raubüberfälle ein. Bei der gestrigen Hauptverhandlung vor dem Landgericht Stade zieht er sein Geständnis zurück. Nur der Überfall auf den Aldi-Markt am 28. April in Cuxhaven sei auf seinem Mist gewachsen. "Ich war verzweifelt und wusste finanziell nicht weiter", sagte der Angeklagte. Die anderen drei Taten weise er jedoch ausdrücklich zurück. Sowohl mit dem Tankstellenüberfall in Otterndorf am 15. November 2009, dem ebenfalls in Otterndorf begangenen Postraub (16. März) und dem Überfall auf den Penny-Markt Ende März habe er nichts zu tun.
Das Geständnis bei der Polizei sei aus einer Not heraus entstanden. Er wollte so schnell wie möglich die Vernehmung beenden und habe sich zu den Aussagen hinreißen lassen. "Es war mir in dem Moment egal. Ich wollte nur da raus und mit meiner Freundin telefonieren", so Klaus K. weiter. Die Einzelheiten zu dem Geständnis der drei Überfälle habe er von einem großen Plakat abgeguckt, das im Polizeirevier hing. Und den Rest habe er mit seiner Fantasie gefüllt. "Ich habe in den vergangenen Jahren viel mit Räubern zu tun gehabt", sagte der Angeklagte. Daher wisse er, wie diese ticken. Ganz unbescholten ist der Angeklagte jedoch auch nicht. Von seinen 67 Lebensjahren verbrachte Klaus K. sage und schreibe fast 40 Jahre in Haftanstalten. Versuchte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Einbrüche, Diebstähle und vieles mehr - sein Vorstrafenregister ist lang. Zum Thema Raubüberfall sagte er nur: "Das ist normal nicht mein Gebiet." Was genau sein Gebiet ist, blieb in der Verhandlung offen.
Der erste Verhandlungstag wurde mit den Aussagen der Polizeibeamten, die Klaus K. festgenommen und vernommen haben, abgeschlossen. Über das persönliche und psychische Verhalten des Angeklagten wirde in eine der weiteren Sitzungen beraten. "Der Schwerpunkt der heutigen Sitzung liegt bei den Angaben zur Sache des Angeklagten", sagte der Vorsitzende Richter Rolf Armbrecht schon zu Beginn der Verhandlung.
Am morgigen Donnerstag, ab 9.30 Uhr, wird der Prozess fortgeführt. Als Zeugen sind unter anderem die betroffenen Mitarbeiter der überfallenen Geschäfte geladen. Insgesamt ist die Verhandlung auf sieben Tage angesetzt. Spätestens am 5. Oktober will das Landgericht Stade ein Urteil gegen den 67-Jährigen fällen. Sollten sich die Anklagepunkte bestätigen, wird der Otterndorfer weitere Jahre ins Gefängnis wandern - aber anscheinend fühlt er sich dort sowieso besonders wohl.
* Name von der Redaktion geändert
Von Jan Unruh
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