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3. September 2010

Ab in die Mühle statt aufs Sofa

OSTEN. In den Vordergrund mag sie sich nicht gerne zerren lassen. "Das Wichtige ist die Kulturmühle", sagt Dr. Edda Renelt und deutet mit dem Zeigefinger in verschiedene Ecken des ehrwürdigen Gebäudes. Hier haben einsatzfreudige Ostener die Fensterrahmen gestrichen, die Musikboxen da hat der Schriftführer gezimmert, dort beim Bühnenbau wäre ohne die Helfer gar nichts gegangen. Verstanden. Das Vorstandsmitglied der Kulturmühle Osten e.V. rückt lieber die Gemeinschaftsleistung in den Fokus, als über sich zu reden.

Dabei gäbe es durchaus einiges zu erzählen. Von ihren zwei abgeschlossenen Studiengängen zum Beispiel. Oder ihrer Vorliebe fürs Trompeten. Aber tun wir ihr den Gefallen und berichten über das, was sie "das Wichtige" nennt, die Kulturmühle natürlich. Dass ausgerechnet das mehr als hundert Jahre alte Gebäude an der Ostener Fährstraße es ihr einmal derart antun würde, davon ahnte Edda Renelt lange nichts.

Zwar ist die gebürtige Berlinerin in Osten aufgewachsen, aber was sich hinter den schweren Mauern verbergen mochte, hat lange Zeit nicht unbedingt im Mittelpunkt ihres Interesses gestanden. Ein alter Ausspann, klar, eine ehemalige Mühle, sicher. Aber dass hinter der massiven grünen Holztür ein einzigartiges Stück Ortsgeschichte wartete, wurde ihr erst bewusst, als der Ostener Arzt Dr. Manfred Toborg im Jahr 2008 Alarm schlug.

Ungenutzt und ungepflegt drohte das alte Gebäude nahe der Sankt-Petri-Kirche nämlich langsam zu verrotten. Und mit ihr die alte Mühle, die vom Sackaufzug bis zum Mahlstein noch erhalten war. Für Toborg war klar, dass der fortschreitende Verfall aufgehalten werden müsse. Und damit begann auch für Edda Renelt die Mission Mühlen-Rettung.

"In einer Runde wurde die Idee geboren, aus der Mühle etwas zu machen", schildert die 44-Jährige. Kulturelle Veranstaltungen würden durch die roten Backsteinmauern einen trefflichen Rahmen erhalten, dachte man sich. Ein Verein könnte die Basis sein, das ehrgeizige Ziel zu erreichen. Im Mai 2008 unterschrieben 14 engagierte Ostener den Gründungsvertrag, halfen der "Kulturmühle Osten e.V." auf die Beine. Eines der Gründungsmitglieder war Edda Renelt.

Für sie war schnell klar, "um die Mühle kümmern wir uns". Und sie kümmert sich, auch wenn die Zeit oft knapp ist. Schließlich hat sie vor fast zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Christoph Renelt, ebenfalls Apotheker, die Einhorn-Apotheke im Ostener Ortskern von ihren Eltern übernommen.

Stresserprobt ist sie aber spätestens seit ihrer Studienzeit. Nach dem Abitur wollte sie erstmal einen Tapetenwechsel, "weg vom Land". In Düsseldorf schrieb sie sich für Chemie ein: "Ich habe mich immer für Naturwissenschaften interessiert", erzählt sie. Nach dem Abschluss als Diplom-Chemikerin suchte sie sich eine Promotionsstelle und erforschte an einem pharmazeutischen Institut in Halle an der Saale Mikroorganismen. Und was trotz elterlicher Prägung bis dato offenbar unbewusst in ihr schlummerte, wurde geweckt: das Interesse an der Pharmazie. Parallel zur Promotion nahm sie ihr Pharmaziestudium auf, das sie 1998 - zwei Jahre nach Erlangen des Doktortitels in Chemie - abschloss.

Aber zurück zur Kulturmühle: Seit seiner Gründung hat der Verein die Mühle Schritt für Schritt wieder zum Leben erweckt. Die Steine mahlen wieder - nur eben nicht mit Mehl, sondern Musik und mehr als Produkt. Lesungen, Vorträge, Theater, Konzerte - Kunst und Kultur haben 42 Jahre nach der Stilllegung Einzug gehalten ins dreigeschossige Gebäude, das Stück für Stück weiter in Schuss gesetzt werden soll.

Nachdem das Dach bereits kostspielig erneuert wurde, die Fenster in Eigenarbeit restauriert und der Steinboden einmal komplett hochgenommen, der Untergrund befestigt und die Steine originalgetreu wieder gesetzt wurden, hoffen die Kulturmüller, "noch in diesem Jahr den Rohbau für die Sanitäranlage fertig zu bekommen", so Edda Renelt. Zu den weiteren Plänen zählen die Restauration der Türen, die Installation weiterer Lichtanlagen, einer Wendeltreppe, über die von außen das erste Stockwerk zu erreichen ist sowie der Einbau einer kleinen Küchenzeile.

Dafür muss allerdings erst wieder Geld in die Kasse gespült werden: Einen Großteil der Ausgaben konnte der Verein bislang über Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanzieren; er hofft nun auf weitere Spenden und Mitglieder. "Viele Künstler haben auch ihre Gagen gespendet", freut sich Edda Renelt, die von dem Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer aus Osten und umzu begeistert ist. "Mir ist wichtig, festzuhalten, dass es eine Gemeinschaftsleistung ist."

Gemeinschaft steht auch in ihrem Privatleben im Vordergrund. Zusammen mit ihrem Mann leitet sie die Einhorn-Apotheke, der freundschaftliche Umgang im Dorf war es auch, der sie nach einem praktischen Jahr im Taunus und einem Jahr in Berlin-Mitte 2001 wieder nach Osten lockte. Mit ihr zog natürlich auch die Trompete um, mit der sie in Halle im Orchester spielte und die mittlerweile in der legendären "Katastrophenband" und einer Stader Bigband erklingt.

Die Musik liegt ihr am Herzen, deshalb schätzt sie die Arbeit der Kulturmühle auch als Investition in Künstler: "Wir möchten auch noch eher unbekannten Talenten eine Bühne geben." Morgen ab 20 Uhr geht es beim "Plattdeutschen Abend" rustikal zu, Edda Renelt freut sich auf Anekdoten "op platt" von Juppy Hinze und Musik von den "Hüller Ohrwürmern".

Dass das Engagement und die Veranstaltungen der Kulturmühle "sehr gut angenommen" werden, ist für die Kulturmüller Motivation, weiter zu machen. "Wir wollen alle hinterm Ofen hervorlocken", lacht die Apothekerin, die nicht hervorgehoben werden wollte. Ein bisschen Vordergrund ließ sich aber nicht vermeiden - wir bitten um Verzeihung.

Von Natascha Saul

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Mühle im Mittelpunkt: Dr. Edda Renelt, die mit ihrem Mann Christoph und Tochter Gesa (6) in Osten lebt, freut sich auf den "Plattdeutschen Abend", der morgen um 20 Uhr beginnt. Foto: Saul
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